Projekt: „Erzähl mir dein Leben“

Im Deutschunterricht der 10.3-4 arbeiten wir am Projekt „Erzähl mir dein Leben“.

 

Dieses Projekt ist eine Kooperation zwischen Anneliese-Loose-Hartke-Stiftung (Foto der Stiftungsgründerin links) und verschiedenen Bremer Schulen. Der Stiftung geht es um den Austausch zwischen den Generationen. Bei uns hat der E-Kurs des 10. Jahrgangs alte Menschen interviewt.

 

Wichtig war es hierbei, aus der eigenen Familie herauszugehen, andere Geschichten und vielleicht auch einen individuellen Einblick in erlebte Geschichte zu bekommen. Alte Menschen tragen ein wichtiges Gut in sich.

 

Es geht darum „oral history“ (mündlich überlieferte Geschichte) für die Nachwelt zu retten. Nur wer die Geschichte kennt, kann die Zukunft gestalten.

 

Wir hatten keine Träume

Jugend in Kasachstan

Anastasia D. ist 67 Jahre alt und trotzdem noch sehr fit. Als wir ankommen, begrüßt sie uns herzlich und bietet uns Eistee und Snacks an.

Anfangs sind ihre Antworten noch sehr kurz. Frau D. wird am 19.11.1950 in Kasachstan geboren und lebt bis auf die letzten 14 Jahre dort. 2004 zieht sie nach Osterholz in Bremen. Einige

Zeit später zieht sie allerdings nach Huchting und danach in ihre jetzige Wohnung in Blockdiek. Ihren Mann lernt sie mit 26 in Kasachstan kennen, mit 30 heiraten die beiden dann ,,Es war so ein tolles Fest", sagt Anastasia glücklich. Sonst hat sie in Kasachstan eine nicht so eine tolle Kindheit.

 

,,Wir hatten nur so viel Geld wie nötig", sagt Anastasia mit einem traurigem Gesichtsausdruck. Ihre Eltern arbeiten zwar beide und trotzdem gibt es kein Geld für Hobbys, Urlaub oder schicke coole Kleidung. Ihre Wohnung bekommt die Familie vom Arbeitgeber ,,Nur die Reichen konnten sich eine Wohnung leisten", sagt sie leise.

 

Sie hat eine kleine Schwester und einen älteren Bruder, mit denen sie viel draußen ist. Besondere Hobbys hat sie nicht, dafür ist ja kein Geld da, aber Anastasia hilft in einer Bäckerei in der Nähe aus. Sie verrät mir: ,,Dadurch dass ich auch ein bisschen Geld für die Familie verdient habe, habe ich mich wichtig gefühlt."

 

Das wichtigste für sie ist, dass es ihrer Familie gut geht und ihren späteren Kindern auch. Das Dorf in dem sie lebt, ist nicht sehr groß und da ihre Familie kein Telefon besitzt redet man halt mit den Leuten persönlich. Zur Schule geht sie 8 Jahre und macht ihren mittleren Schulabschluss.

 

Ihren ersten Freund lernt sie mit 16 in ihrer Schule kennen, die beiden sind ca.1 Jahr zusammen, bis sie sich trennen. Anastasia ist ein sehr braves Kind welches immer an die Familie denkt. Sie hat nie den Reiz, Alkohol zu trinken oder zu rauchen.

 

Als ich sie nach ihren Zukunftsplänen in ihrer Jugend frage, macht sie wieder einen sehr traurigen Gesichtsausdruck und sagt: ,,Wir hatten keine Träume". Einen Fernseher oder Geld, das Wünsche hätte entstehen lassen könnte,  hatte sie nicht.

 

(Jette Fock) 

Das werde ich nie vergessen

Von Litauen in den Kriegswirren nach Deutschland

Wir treffen Christel Hentschel bei ihrem Sohn und seiner Familie in Lübeck. Mittlerweile lebt sie im Altersheim.

Frau Hentschel ist 1930 in Litauen geboren. Wegen des Krieges flüchtet sie mit 15 Jahren nach Deutschland. Während des Krieges verliert sie zwei ihrer fünf Geschwister.

 

Sie wächst in einfachen Verhältnissen, auf einem Bauernhof, auf. Es gibt keine Wasserleitungen, keinen Strom. „Obwohl wir früher keinen Strom hatten, war unser Haus immer gemütlichmit Öllampen beleuchtet.“, erzählt sie stolz. „Unser Land mussten wir an die Nazis abgeben, sie versprachen uns neues Land, wenn wir nach Ostpreußen gehen.“, erzählt sie traurig. „Wir sind dann aber nach Deutschland geflüchtet.“

 

Frau Hentschel hat fünf Geschwister. Sie verstehen sich alle sehr gut. Spiele sahen damals noch anders aus: Sie spielt mit ihren Geschwistern gerne Verstecken und Ballspiele. Doch am liebsten spielt sie Karten mit ihrem Bruder. Geraucht oder getrunken hat sie nie. In die Schule geht sie gerne - acht Jahre besucht sie die Schule, doch wegen des Krieges kann sie keine Ausbildung machen.

 

Christel Hentschel liebt esden Tieren zuzusehen. „Einfach in der Natur zu sein, das werde ich nievergessen.“, erzählt sie träumerisch. Dann, 1945, macht sie sich zusammen mit ihren Geschwistern auf nach Deutschland. Sie nehmen in Danzig ein total überladenes Frachtschiff nach Deutschland.

 

Das Schiff wird in der Nacht des 16. Aprils von einem Torpedo getroffen und geht unter. „Ich bin durch einen Strudel wieder an die Oberfläche gekommen. Mein Leben hat sich schon vor meinen Augen abgespielt. Ich dachte, ich würde sterben.“, erzählt Frau Hentschel betroffen.

 

An Bord des eigentlichen Frachtschiffes „Goja“ befinden sich 7000Menschen. Nur 170 von ihnen überleben den Schiffsuntergang. Unter den Toten befindet sich auch ihr sechsjähriger Bruder. Frau Hentschel verbringt daraufhin zwei Jahre in einem dänischen Flüchtlingslager. Sie erzählt: „Nach Deutschland durfte ich nicht, es gab nach dem Krieg einfach zu wenig Wohnraum. Nur wenn man Angehörige in Deutschland hatte, durfte man einreisen.“

 

Durch das Rote Kreuz findetsie erst ihre Schwester, die auch in einem Flüchtlingslager untergebracht ist, dann ihre Brüder, welche in Deutschland leben. Sie darf einreisen und lebt bei ihren Brüdern in Halle. Ihre Schwester zieht dann nach Braunschweig. Da sie mehr Bezug zu ihrer Schwester hat, folgt sie ihrer Schwester nach Braunschweig.

 

In Braunschweig lernt Christel Hentschel 1951 ihren Mann Heinz kennen. „Das war Liebe auf den Ersten Blick. Der Krieg war zu Ende und jeder wollte sich etwas aufbauen.“, erzählt sie glücklich. Kurz darauf heiraten sie und es folgen zwei Söhne. Abschließend sagt sie: „Die Familie ist das Allerwichtigste.“(Selin Vardar, 10,3)

 

"So was hatte doch jeder"

Jugend in der UdSSR

Als ich an dem Reihenhaus von Frau Natalia Engel ankomme, schaut sie schon lächelnd zu mir aus dem Fenster und nimmt mich ganz speziell in Empfang. Sie kann es kaum abwarten, das Interview über ihre Jugend mit mir zu führen.

 

Frau Engel wurde am 5. August 1958 in der Sowjetunion geboren und zog vor 21 Jahren nach Deutschland. Die Jugend verbrachte die 60 jährige jedoch in der Sowjetunion. „Ich hatte Glück, dass ich nicht unter schweren Lebensbedingungen wie andere Kinder aufwachsen musste“, erzählt Frau Natalia mit noch monotoner Stimme.

 

Sie lebte in einem Mehrgenerationshaus mit vielen Verwandten auf. Jedoch hatte sie keine Geschwister. Frau Engel ist der Meinung, dass ein Mehrgenerationshaus aus vielen Gründen eine gute Sache ist, denn so unterstützten sich alle gegenseitig und es kommt so nicht zu einem Fremdwerden zwischen den Generationen und auch nicht zu einem Generationenstreit.

 

Als schlimmsten Moment in ihrem Leben nennt Frau Engel den frühen Tod ihrer Mutter: „Es war sehr traurig“, und ich kann in diesem Moment merken, wie sie ihre Mutter vermisst.

 

Zu der Frage was Ihr schönstes Erlebnis in Ihrer Jugend war, antwortet sie, „Mein sehnlichster Wunsch als Kind war es immer mal ans Meer zu fahren und als ich zum ersten mal da war und einen Monat dort verbracht habe, war es einfach nur schön“.

 

In Ihrer Jugend spielte sie gerne Tischtennis, auch wenn sie bedauert nie in einem Verein gewesen zu sein. Ihren größten Wunsch, das Lehramtsstudium zu absolvieren, konnte sie sich später erfüllen:

Heute hat sie zwei Abschlüsse und zwar in Diplom-Pädagogik und den Master of Arts. Durch diese beiden Abschlüssen ist sie Pflegewissenschaftlerin und Fremdsprachenlehrerin geworden.

 

Auf die Frage nach einer Jugendliebe, sagt Frau Engel lächelnd „So was hatte jeder“. Ihren ersten Freund hatte sie mit Anfang 16.

 

Als ich sie nach ihrer Schulzeit frage, bin ich über ihre Antworten ziemlich überrascht. Zum Beispiel wurde sie in der Schule gar nicht aufgeklärt, das wurde der Familie überlassen. Dennoch gab es aus ihrer Sicht auch gute Sachen gegenüber heute. Man hatte zum Beispiel in der Jugend keine Chance, heimlich Alkohol zu trinken oder zu rauchen.

 

„Die Wehrpflicht gab es.“ erzählt Frau Engel, „Die Mädchen mussten sich als Kriegskrankenschwester und die Jungs als Soldat ausbilden lassen. Die einzige Möglichkeit darum herumzukommen, war es, den Arzt zu bestechen und eine schwere Krankheit vorzutäuschen. Doch auch dazu war viel Geld notwendig.

 

Vor 21 Jahren zog sie nach Deutschland: „ Weil es die Sowjetunion nicht mehr gab und wir wollten ein neues Leben anfangen“, sagt sie und wird immer leiser.

 

Frau Engel heiratete vor 34 Jahren. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn zusammen in Bremen. „ Also es ist schwer zu vergleichen. Denn meine Jugend habe ich in der

Sowjetunion verbracht und es ist sehr schwierig zwei Länder zu vergleichen, aber anhand der letzten 21, die ich in Deutschland verbracht habe, würde ich nicht sagen, dass sich da was geändert hat.“, antwortet sie mit kleinen Schwierigkeiten, zu meiner letzten Frage, die sich allgemein auf ihr Leben bezieht.

 

Zum Abschluss bedanke Ich mich herzlich bei Frau Engel und verabschiede mich, Sie ist überrascht,

dass unser Gespräch so schnell vorbei ist und verabschiedet mich etwas traurig.     

 

(Banujan Jegatheswaran 10.4)